ein Jahr

Der Film läuft immer wieder von vorne ab. Wie im Stummfilm. Die Tränen kullern, das Brüllen wird lauter, die Umwelt wird weniger stumpf. Auf einmal wird alles klar. Pure Enttäuschung im Streitpartner. Aber warum? Was habe ich gemacht? „Tut mir leid, dass ich krank im Kopf bin!“ brülle ich schluchzend und verzweifelt zurück. „Du bist doch nicht krank im Kopf!“ Wieder diese laute Stimme, dieser hasserfüllte Blick. Doch, das bin ich, denke ich. Ich soll nicht immer wegrennen. Immer? Ich bin noch nie weggerannt, die Probleme stellten sich mir immer in den Weg, aber ich kletterte drüber. Nur dieses eine Mal nicht. Dieses einzige verdammte Mal bin ich nicht drübergestiegen, sondern umgekehrt. Und dafür werde ich nun angebrüllt und beschimpft? Ich kann nicht mehr, die letzten Wochen haben an meinem Körper gezehrt, sechs Kilo in einer Woche verloren. Die Nerven sind auch vor dem Geschrei geflüchtet. Ich stehe da alleine, fühle mich nackt bis auf die Knochen. Ertappt. Aber auch unverstanden. Ich habe ihn enttäuscht, ich werde meine Zukunft wegwerfen. Doch was ist mit mir? Merkt denn keiner, dass mit mir etwas nicht stimmt? Ich flüchte in mein Bett, hatte Schmerzen von den Tränen, von dem erschütterten Schluchzen. Wollte nicht mehr. War das der Preis für Anerkennung? Dank einer Schlaftablette falle ich in den erlösenden Schlaf. Vergessen, ich will einfach nur vergessen.

Das alles geschah vor genau einem Jahr. Die Situation wurde nie wieder erwähnt, alle versuchten es zu vermeiden. Doch in meinem Kopf ist es geblieben. Ich brauche nur daran zu denken, schon steigen mir wieder die heißen Tränen in die Augen. Egal wo ich bin. Ich habe nichts vergessen.
Im Nachhinein kann ich erkennen, dass diese Situation das Fass zum Überlaufen gebracht hat. Das Fass mit all den schlimmen Gedanken, mit dieser Trostlosigkeit, mit diesem Wunsch nach Besserung. Es sollte nicht mehr besser werden. Es wurde anders. Laute Stimmen beängstigen mich, genau wie laute Musik bzw. Musik überhaupt. Das Vertrauen in die Menschen ist verschwunden. Jede Verabredung sag ich ab, aus Angst. Vor die Tür zu gehen kostet mich große Überwindung. Mein Leben besteht nur noch aus einem Schauspiel, und ich weiß nicht, ob ich noch gut genug darin bin.
Und das nur, weil ich einmal an mich gedacht habe.

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