Wie erklärt man, dass es Krankheiten im Kopf gibt?
Oder anders: Wie erklärt man einer Person, die partout nichts davon wissen will, dass es Krankheiten im Kopf gibt?

„Ich beobachte eine Weile die Menschen, die an mir vorübergehen und mir kaum Beachtung schenken. Es sind alte Menschen und Kranke, manchmal auch ein Jogger oder ein Fahrradfahrer. Ich betrachte ihre Gesichter, wenn ihr Blick mich streift, und frage mich, wie schon oft, ob es besser ist, wenn ein Leiden offensichtlich, wenn es sichtbar ist. Wenn ein Leiden eine Wunde bedeutet, die genäht und versorgt, gepflastert und eingecremt wird, und wenn diese Versorgung ein Zeichen des nahenden Heilungsprozesses bedeutet. Einen Verband um den Kopf bräuchte ich, einen riesigen Verband um meinen Kopf, der allen davon erzählt, dass dieser Kopf, dass dieses Gehirn verwundet wurde. Dass es jetzt gepflegt werden muss, dass es heilen muss und dass sich schon jemand darum kümmern wird, ganz sicher.“
– aus „Drüberleben“ von Kathrin Weßling

ein Jahr

Der Film läuft immer wieder von vorne ab. Wie im Stummfilm. Die Tränen kullern, das Brüllen wird lauter, die Umwelt wird weniger stumpf. Auf einmal wird alles klar. Pure Enttäuschung im Streitpartner. Aber warum? Was habe ich gemacht? „Tut mir leid, dass ich krank im Kopf bin!“ brülle ich schluchzend und verzweifelt zurück. „Du bist doch nicht krank im Kopf!“ Wieder diese laute Stimme, dieser hasserfüllte Blick. Doch, das bin ich, denke ich. Ich soll nicht immer wegrennen. Immer? Ich bin noch nie weggerannt, die Probleme stellten sich mir immer in den Weg, aber ich kletterte drüber. Nur dieses eine Mal nicht. Dieses einzige verdammte Mal bin ich nicht drübergestiegen, sondern umgekehrt. Und dafür werde ich nun angebrüllt und beschimpft? Ich kann nicht mehr, die letzten Wochen haben an meinem Körper gezehrt, sechs Kilo in einer Woche verloren. Die Nerven sind auch vor dem Geschrei geflüchtet. Ich stehe da alleine, fühle mich nackt bis auf die Knochen. Ertappt. Aber auch unverstanden. Ich habe ihn enttäuscht, ich werde meine Zukunft wegwerfen. Doch was ist mit mir? Merkt denn keiner, dass mit mir etwas nicht stimmt? Ich flüchte in mein Bett, hatte Schmerzen von den Tränen, von dem erschütterten Schluchzen. Wollte nicht mehr. War das der Preis für Anerkennung? Dank einer Schlaftablette falle ich in den erlösenden Schlaf. Vergessen, ich will einfach nur vergessen.

Das alles geschah vor genau einem Jahr. Die Situation wurde nie wieder erwähnt, alle versuchten es zu vermeiden. Doch in meinem Kopf ist es geblieben. Ich brauche nur daran zu denken, schon steigen mir wieder die heißen Tränen in die Augen. Egal wo ich bin. Ich habe nichts vergessen.
Im Nachhinein kann ich erkennen, dass diese Situation das Fass zum Überlaufen gebracht hat. Das Fass mit all den schlimmen Gedanken, mit dieser Trostlosigkeit, mit diesem Wunsch nach Besserung. Es sollte nicht mehr besser werden. Es wurde anders. Laute Stimmen beängstigen mich, genau wie laute Musik bzw. Musik überhaupt. Das Vertrauen in die Menschen ist verschwunden. Jede Verabredung sag ich ab, aus Angst. Vor die Tür zu gehen kostet mich große Überwindung. Mein Leben besteht nur noch aus einem Schauspiel, und ich weiß nicht, ob ich noch gut genug darin bin.
Und das nur, weil ich einmal an mich gedacht habe.

leise


PLAY

Der 11. November 2012. 11.11.12. 11:11 Uhr habe ich nicht auf die Uhr geschaut. Wäre ich Zuhause hätte ich noch Stunden nach dieser Uhrzeit Lärm um mich herum. Zuhause ist Fasching, hier nicht. Das gibt einen Pluspunkt für die Großstadt.
Sonntag in der Großstadt ist
Stille und Stillstand.Ist aber auch: Lesen undFilm schauen.

Ist einfach entspannt, kein Warten auf den Zug, kein Hetzen zur Straßenbahn, kein Schleppen von Taschen.
Ist aber auch nachdenklich, Leere und Fülle im Kopf, gleichzeitig.
Ist barfuß laufen, bis die Füße Klumpen sind.
Ist selbst entscheiden.

Sonntag ist Sonntag, nicht immer Abschied.

Und damit fängt es an.

Du bewegst dich langsam, aber du bewegst dich, und dass sich das nicht ändert, beruhigt dich. Du putzt dir die Zähne, und du duschst deinen müden Körper, und du bekommst manchmal Kopfschmerzen, aber alles bewegt sich, alles geht doch weiter, der Fernseher läuft doch noch, so schlimm kann es doch nicht gewesen sein. Unmerklich wirst du Woche für Woche ein bisschen mehr zu Zement, ein bisschen mehr zu Beton, ein bisschen mehr zu dem Schatten hinter dir. Aber du gehst weiter, denn das Gehen fühlt sich gut an, im Gehen fühlst du dich sicher, im Gehen hörst du deinen Atem und grüßt auch manchmal irgendwen, denn du kennst ja Menschen, du hast ja Freunde, du hast ja wen. Manchmal merkst du, dass etwas passiert ist, dass dir etwas zugestoßen ist, dass etwas wehtut, dass sich etwas verschoben hat, dass du nicht mehr so bist, wie du vorher mal warst – aber weil du nie aufgeschrieben hast, wer das jetzt noch mal genau gewesen sein soll, kann dir keiner beweisen, dass das stimmt. Also stimmt es vielleicht auch einfach nicht.
(…)
Vielleicht war es nur einer dieser Momente. Vielleicht war es auch keiner. Manchmal reicht nur ein winziger Augenblick aus, um zu begreifen, dass nichts jemals wieder so sein wird, wie es war.
Und eines Morgens stehst du dann vor dem Spiegel und siehst dich an und siehst das fahle Grau in deinen roten Augen, und du bleibst vor dem Spiegel stehen, du bleibst einfach stehen und bewegst dich keinen Zentimeter mehr weiter.
Und damit fängt es an.

– „Drüberleben“ von Kathrin Weßling

Gelesen im Oktober ’12

Diesen Monat habe ich mich selbst übertroffen. Aber es waren auch verdammt gute Bücher dabei, die man einfach verschlingen musste.

1. Lucy Clarke : Die Landkarte der Liebe
Mein zweites Vorablesen-Exemplar, worüber ich hier schon eine Rezension verfasst habe. Ein sehr schöner Roman, der zum Nachdenken anregt.

2. Donna Freitas : Wie viel Leben passt in eine Tüte?
Claudi hat es so angepriesen, dass ich es einfach haben musste. Und ich wurde nicht enttäuscht. Es geht um die junge Rose, die ihre Mutter an Krebs verliert. Das Buch beschreibt alle Facetten der Trauer und wie Rose Stück für Stück wieder ins Leben zurückfindet, vor allem mit der Hilfe des Survival Kits ihrer Mutter.

3. John Green : Das Schicksal ist ein mieser Verräter
Was soll ich zu diesem Buch noch groß sagen, außer dass es einfach großartig ist. Lest es und lasst euch verzaubern. Ich bin es schon. (Und habe es mittlerweile auch privat.)

4. Ally Condie : Cassia & Ky, Die Auswahl
Ich habe es gelesen, weil es schon so viele gelesen haben und davon begeistert waren. Das kann ich leider nicht teilen. Mir kam das Buch viel zu steril und vor allem bekannt vor. Irgendwie war es nicht so meins. Ob ich den zweiten Teil lesen werde, weiß ich noch nicht. Wahrscheinlich nur, wenn mir jemand das Buch vor die Nase setzt. Schade, hatte mehr erwartet.

5. Jonathan Coe : Der Regen, bevor er fällt
Gills Tante Rosamond stirbt nach einem langen Leben. Ihrer blinden Cousine Imogen hinterlässt sie Tonbänder mit einer Geschichte. Die Geschichte ihrer Familie, die bis in den 2. Weltkrieg zurückreicht.
Ein bezauberndes Buch über eine Familie, bei der man mitfiebert, mitweint, mitzittert. Ich muss auch zugeben, dass ich mich oft von den Titeln und Covern leiten lasse. „Der Regen, bevor er fällt“ ist auch so ein Titel.

6. Carol Coffey : Das Mädchen mit den Schmetterlingen
Die 11-jährige Tess wird bei ihrem blutverschmierten toten Vater gefunden und der Verdacht liegt Nahe, das kleine autistische Mädchen hat ihn umgebracht. Tess kommt für 10 Jahre in eine Anstalt nach Dublin. Das Buch beschreibt die verschiedenen Zeiten der Geschichte (was am Anfang etwas verwirrend ist), angefangen mit Tess‘ Mutter, dann die Zeit des Mordes und dann 10 Jahre später, Tess ist wieder Zuhause. Es geht nicht um den Mord, sondern um die Familie, um Autismus, uneheliche Kinder, Dörfer und ihre Eigenheiten. Mir hat es sehr gut gefallen.

Das waren meine sechs Bücher, die ich im Oktober gelesen habe. Vier waren von der Arbeit, 1 gekauft und 1 von vorablesen.de.
Auf in den Monat November :)