Wo ist nur das Schloss?

An einem Prüfungstag ging es mir noch nie gut. Ich träumte von schäbigen Strickjacken und besuchte mehrfach die Toilette.
Mein Prüfungstermin war erst am Nachmittag, die Fahrt verlief ruhig. Die Ruhe vor dem Sturm. Eine Umleitung jagde die nächste, in der historischen Altstadt. Ein Blick hatte ich dafür nicht. Immer mal wieder tauchte das Schloss hinter den Häusern auf.
Die Zeit des Wartens ist schrecklich. Man sitzt da und möchte es hinter sich bringen, aber nichts passiert.
Ich werde reingerufen. „Fühlen Sie sich gesundheitlich in der Lage?“ – „Ja.“ (Und dachte ‚Nein!‘)
Zwei Aufgaben, eine muss ich nehmen, beide sind nicht wirklich toll, ich nehme das kleinere Übel.
Aufmunterungsworte bis zum Vorbereitungsraum. Gequältes Lächeln.
Sitze über dem Blatt, zerbreche mir den Kopf. Ich werde wieder abgeholt, erzähle alles, was ich weiß. Mir werden Fragen gestellt, ich antworte. Ich habe ein gutes Gefühl, doch am Ende schauen alle böse drein. Ich muss raus, muss warten. Meine Nachfolgerinnen trudeln ein. Schauen alle ganz ängstlich. Möchte mein Ergebnis nicht mehr erfahren, werde trotzdem reingerufen.
„Wie fanden Sie sich selber?“ – „Zum Schluss etwas holprig, aber sonst …“ – „Ja, das fanden wir auch, deswegen, um sie nicht länger auf die Folter zu spannen: 10 Punkte, das ist keine 1 mehr (ich weiß), aber eine 2- (das ist ziemlich weit weg von der 1).“
Meine Berufsschullehrerin kommt auf mich zu, gratuliert mir zur bestandenen Prüfung, schaut sich mein Schulzeugnis an: „Das war ja viel besser.“ Ich kann mich darüber im Moment noch nicht freuen, auch wenn 1,0 eigentlich ein Grund dazu sein sollte.
Komme raus, zig Augenpaare schauen mich. Sag ich’s? Sag ich’s nicht? Ach was soll’s. „10 Punkte.“ – „Toll! Klasse! Glückwunsch!“ Umarmungen, Verabschiedungen, bloß weg.
Noch ein bisschen Sightseeing in der Stadt. Mir brummt der Kopf. Ich habe den ganzen Tag nichts getrunken und gegessen. Trotzdem suche ich das Schloss, um wenigstens ein positives Bild mitzunehmen. Ich hatte schon fast aufgegeben, immer umgaben Häuser den Blick.

Doch dann luckte es hervor, ganz still und heimlich. So wie ich halt.
Damit muss man wohl leben.

Nicht nur Arbeit.

Was ist das eigentlich mit diesem:  „Ich möchte noch so viel lesen, aber habe keine Zeit und die Bücher sind auch so teuer, und und und.“ ?
Das Zeitproblem versteh ich natürlich. Das andere nicht so.
Vielleicht liegt’s ja einfach daran, dass ich seit drei Jahren eine Bibliothek vor der Nase habe, bzw. in ihr arbeite (in der Bibliothek, nicht in der Nase). Aber ich verstehe einfach nicht, warum die Leute nicht einfach in die Bibliothek gehen, und für eine Jahresgebühr können sie so viele Bücher, wie sie wollen, ausleihen.
Bibliotheken sind nicht verstaubt, öde, langweilig, trist, oder sonst was. Jeder Tag ist anders.
Und man kann so viel entdecken. Rettet verdammt nochmal unsere schönen Bibliotheken.

So, das wollt ich nur mal gesagt haben…

PS: Den Teddy hatte ein kleines Mädchen vergessen. So lange wachte er über unseren Kinder-Maltisch. Hat sich pudelwohl gefühlt, der Knuffige.

Ada liebt

Ich habe es zum Abschluss meines Praktikums in der Buchhandlung geschenkt bekommen. Und es war einfach wie für mich gemacht. Und Bücher, mit denen man sich identifizieren kann, sind ja fast immer die Schönsten. Oder sie regen nur zum Nachdenken an. Reicht ja manchmal auch schon aus.

Es geht um Ada, eine junge Frau, deren Welt Bücher sind, studiert und mit der Liebe noch nie viel am Hut hatte. Bis Bo, der junge Landwirt, in ihr Leben trat.

Warum bist du so allein, Ada, hatte mich meine Mutter während eines ihrer Wochenendbesuche bei mir gefragt, denn ihr war aufgefallen, dass mein Telefon in drei Tagen nur zwei Mal geklingelt hatte. Ein Mal war es mein Vater, der sie vermisste und hoffte, sie würde es merken, wenn er sie fragte, ob sie gut angekommen sei, und der andere Anrufer hatte sich verwählt.
Ich bin nicht allein, hatte ich gesagt, ich kann nur mit ihnen nichts anfangen und sie nicht mit mir. Sie gehören aber dazu, hatte meine Mutter vorsichtig gesagt und ich fragte, wozu, und sie sagte, zum Leben, und das Gespräch war vorbei.

Und noch eine Textstelle zum Singledasein.

Als wir in den Süden einfuhren und der Dialekt um mich herum unerträglich wurde, fiel mir meine Mutter ein, die sagte, du bist so einsam, Ada, das ist nicht normal, jeder braucht jemanden und jeder Mensch nimmt sich erst durch die Liebe eines anderen Menschen wahr. Sie benutzte das Wort Liebe zu häufig, es wirkte abgedroschen und leer, aber vielleicht war etwas dran. Vielleicht strebten die Menschen stets nach einem Gegenüber, vielleicht stimmte die Werbung, die uns unser Leben genau so verkaufen wollte; nicht umsonst wurden mehr als drei Mal so viele Doppelbetten und Zweiersofas produziert wie Sessel und Singlematratzen. Kleine Küchen waren teurer als große, kleine Spülmaschinen auch, selbst bei der Wurst schlug sich das nieder. Singlewaschmaschinen waren unerschwinglich und kaufte man sich ein solches Gerät, guckte die Kassiererin mitleidig.
Man fiel heraus aus der Kleingartenkultur, wenn man kein Gegenüber hatte am Frühstückstisch, aber war man deshalb allein? War meine Mutter weniger einsam, weil sie meinem Vater den Tisch deckte und die Wäsche wusch und war mein Vater am Ende seines Glücks angekommen, wenn er die Blumen auf dem Tisch beiseite schob, um sie ansehen zu können?
Ich hatte nie jemanden gebraucht und ich hatte nie zuvor über Singlewaschmaschinen nachgedacht. Vielleicht brauchten Menschen einander, und vielleicht war es auch nicht die Liebe, sondern der Egoismus der Gene, die sich unbedingt fortpflanzen wollten, ganz einfach im Auftrag der Natur.